Knoten knüpfen mit Killern

Es ist eine lange und sehr verknotete Geschichte, wie ich dazu gekommen bin – und sie ist auch gar nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich einen Faden ausgesandt habe in eine der dunkelsten Ecken der Welt: In die Todestrakte der USA. Und dass von dort Fäden zurückkommen. Unsere Fäden begegnen sich, bilden Knoten, die wie die Wurzeln des unverwüstlichen Löwenzahns Öffnungen durch Mauern und Wände bohren, um Leben zu ermöglichen, zu erweitern, Licht einzulassen, Raum zu schaffen für etwas so kleines und unscheinbares wie den Löwenzahn – aber die Wirkung des Löwenzahns kann es mit der legendären „Wurzel des Lebens“, dem Ginseng, locker aufnehmen.
Ich schreibe Briefe an verurteilte Mörder. Nur, um Mißverständnissen vorzubeugen: nicht Kinderschändern, nicht Vergewaltigern, nicht Serienmördern. Aber Mördern.
Und ich bekomme Briefe von Menschen zurück. Menschen, die seit zehn, fünfzehn Jahren unter Bedingungen gehalten werden, die fast jeglicher Menschlichkeit und Menschenwürde entbehren. Menschen, die fast nichts mehr haben als ihren täglichen Kampf gegen das Verrücktwerden, die Hinrichtung und den Glauben, dass es auch für sie vielleicht noch irgendetwas gibt wie … ja, wie was? Eine Chance? Leben? Verzeihung? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass dies eines der grauenerregendsten Gesichter der Menschheit ist – und damit meine ich nicht die Gesichter meiner Brieffreunde. Für mich hat es gar nichts mit einem Für oder Wider die Todesstrafe zu tun. Sondern mit all dem, was der so gut wie unausweichlichen Urteilsvollstreckung vorausgeht. Am Anfang konnte ich mir nicht vorstellen, was so etwas Lächerliches wie Briefe für jemanden bedeuten sollen, der 23 Stunden des Tages in einer badezimmergrossen Betonzelle verbringt. Und manche Leute, die von meinem besonderen Briefwechsel hörten, dachten, ich spinne. Recht haben sie, denn in den zwei Jahren, die seit dem ersten Brief vergangen sind, haben mir die „Jungs“ beigebracht, dass ich mit meinen etwa monatlichen 4-Seiten-Machwerken Fäden des Lichts, des Lebens und der Hoffnung spinne. Wie altruistisch und karitativ von mir, nicht? Und genau das ist es nicht. Es ist weder uneigennützig, noch dem Gedanken entsprungen, denen doch was zukommen zu lassen, denen es nicht so gut geht wie mir freiem, deutschen Wohlstandskind.
Und die Fäden, die aus dem Todestrakt hinaus in mein ungarisches Dorf-Idyll geschickt werden, sind aufgeladen mit kostbaren Gaben, die mein Leben nicht nur auf vielfältige Art bereichern, sondern auch mir als Person, meinem Sein, einen Wert beimessen, der mich demütig, dankbar und froh sein läßt …

Unsere Knoten sind wie Hände, die sich ineinanderlegen – eine in allen möglichen Kulturen anerkannte Geste des friedlichen Miteinanders, des Respekts und der Offenheit, mit etwas Fremden in Berührung zu kommen.

Das klingt jetzt wie in einer rosaroten Hollywood-Schnulze. Es ist alles andere als rosarot, das erledigen schon die Umstände dieser Bekanntschaft an sich. Aber es ist auch viel weniger dramatisch, als ich dachte. Meine „Death Row-Jungs“ erzählen sehr sehr wenig von ihrer dunklen Schattenwelt. Meistens sind die Briefe lustig, aufmerksam und interessiert an Kochrezepten, meinen Tieren, der Weltpolitik und Glaubensfragen – mit Leichtigkeit, Tiefe, Spaß und Ernst. Wenn jemand diese Briefe lesen würde, der nicht wüßte, woher sie kommen, würde wohl nie an Todestraktinsassen denken. Aber ich hatte anfangs auch mehr Brieffreunde. Einer stellte sich als sogenannter „Scammer“ heraus, das sind Insassen, die mit dem Briefkontakt nur die Geldkuh melken wollen. Einer ist inzwischen hingerichtet und einer stellte sich als zu traumatisiert heraus, um wirklichen Kontakt herzustellen.

Ich weiß auch, dass ich den großen Freundschaftsdienst verweigern werde, sollte der Tag kommen, an dem sie hingerichtet werden: ich werde nicht für sie da sein – sprich, tatsächlich anwesend sein. Ich weiß nicht, was dieses Erlebnis für mich bedeuten würde und ich bin es, die dann mit diesen Bildern leben muss.

Meine Fäden der Begegnung haben klare Grenzen. So wie ihre auf andere Weise auch.

Zorro, genannt „Die Pfote“

Wenn ich meinen Kater Zorro ansehe, dann trägt er um die Mitte einen Gürtel mit einem Bund Dietrichen und auf dem Kopf eine kleine Schweißermaske. Denn Zorro hat eine Vorliebe für das Öffnen von Türen, Schlössern und Schubladen.
Wie jede gute Katzenmutter habe ich ihn in der Entdeckung seiner Fähigkeiten gefördert und motiviert, denn ich habe einmal die Katzen-Leckerle vor ihm in meiner Schublade versteckt. Er hat damals den ganzen Nachmittag dazu gebraucht, von allen Seiten probiert, gedrückt, gezogen und sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen gestemmt … bis er den Mechanismus raus hatte und die Schublade tadellos rausziehen konnte. Natürlich habe ich – fasziniert von seiner Hartnäckigkeit und Geschicklichkeit – das Ganze mit reichlich Lob und Leckerle honoriert. Und ihm den Weg zu seiner wahren Bestimmung frei gemacht. Seitdem befingert oder besser bepfotet er leidenschaftlich jedes erreichbare Schloss, verbringt Stunden damit, mit schräg gehaltenem Kopf vor dem Objekt seiner Begierde zu sitzen und über Möglichkeiten nachzusinnen, das Ding zu knacken. Wir sehen ihn bereits lebhaft in unserer Vorstellung mit den Dietrichen hantieren, die Schweißerbrille aufsetzen und das Schloss mit einer lässigen Drehung seiner sensiblen Pfoten eins-zwei-drei knacken. Inzwischen müssen wir nachts die Haustür absperren (was wir hier sonst nie getan haben), da Zorro, von nächtlichen Streifzügen heimgekehrt, einmal höflich maunzt – und wenn dann keiner aufwacht und ihn reinlässt, macht er eben selbst die Tür auf … leider hat er es mit dem Zumachen nicht so …

Seit heute früh sind wir doch ernstlich beunruhigt, weil wir ihn nachdenklich um unser Auto schleichen sahen …

Knotenpunkte des Lebens

Die Knotenpunkte eines Lebens sind unglaublich aufschlussreich. Probieren Sie es aus und listen Sie einfach einmal auf, was und wann ein Knotenpunkt in Ihrem Leben war. Sie würden auch ohne Erklärung ganz instinktiv wissen, was mit Knotenpunkten des Lebens gemeint ist – zumindest würde Ihre Schreibhand es wissen, auch wenn Ihr Kopf noch nach sicherer Definition und Anleitung verlangt.

Knotenpunkte sind Ereignisse im Leben, bei denen sich Schicksalsfäden kreuzen und das entweder in einer sehr erfreulichen Chance seinen Ausdruck findet oder in einer Verknotung, die so drückt und so weh tut, sich als Knoten so spürbar in Erinnerung bringt, dass eine Kurskorrektur, eine Veränderung, ein Umdenken/-handeln eingeleitet wird.

Schauen Sie sich Ihre Liste der denkwürdigen Knotenpunkte Ihres bisherigen Lebens einmal an und zwar ganz genau:
Gibt es Auffälligkeiten?
Gemeinsamkeiten?
Sind die Chancen wahrgenommen worden?
Haben die Knoten zu einer Veränderung geführt?
Gibt es eine Art Rhythmus in der Abfolge?
Wenn noch nicht oder nicht genug Veränderung durch die Knoten stattgefunden hat – was müsste geschehen, um das erreichen? Wie groß müsste der Leidensdruck werden, damit Sie in Bewegung gehen, Altes sein lassen und Neues kommen lassen können?
Was müsste sein, damit sich für Sie aus den Knoten eine Chance formt?

Knoten verbinden aber auch lose Enden Ihrer Lebensfäden, die so unmotiviert herumbaumeln und einzeln für sich entweder zu kurz sind, um sie zu etwas Richtigem werden zu lassen oder man weiß mit dem Faden allein nichts Rechtes anzufangen. Um alle Fäden miteinander zu verbinden und so ein langes Führungsseil zu bekommen, braucht es z. B. einen Knoten …

Wenn Sie über die Knotenpunkte Ihres Lebens nachdenken – welche waren dienlich als Steigbügel und Halt, um höher bzw. weiter zu kommen und welche behindern/behinderten das freie, reibungslose Gleiten? Ist es vielleicht jetzt die Zeit, die Lösung dieser letzteren Knoten anzugehen, ehe wieder einer dazu kommt? Oder sind Sie bereits mitten drin und diesmal schnürt der Knoten zu viel Lebensenergie ab?
Jeder kann seine Knoten alleine lösen – aber um sie zu sehen, aufzufinden und die Art zu erkennen, wie man sie (er)lösen kann, braucht es Hilfe von außen, denn wer in einem Raum drin steht, kann schlecht hineinsehen. Es ist merkwürdig, dass wir es völlig normal finden, mit Körperknoten zu einem Arzt, also einem Helfer im Außen zu gehen, mit den inneren Knoten aber, die oft Ursprung und Heilquelle der Körperebene sind, versteckt im Kämmerlein bleiben. Viele Knoten haben oft als eine der wichtigsten Botschaften: Du bist nicht allein. Du darfst Hilfe haben und bist fähig, selbst anderen Hilfe zu geben. Denn wir sollten als großes Netzwerk miteinander arbeiten, in dem wir alle miteinander verbunden sind – natürlich durch Knoten …