Tränenknoten - über die Heilkraft von Selbstmitleid
Selbstmitleid ist bei uns zu einer Art Schimpfwort geworden, ein Dämon, für den man sofort einen Exorzisten holen muss, um das Übel unverzüglich auszutreiben.
Was ist das für eine perverse Haltung, das Mitleiden und Mitfühlen mit anderen als hohen Wert zu preisen, der Anerkennung und Bewunderung verdient, das Gleiche aber, auf die eigene Person angewandt, zu verachten?
Es ist heilsam und wichtig, seinen Gefühlen Luft zu machen. Den Frust, die Enttäuschung, die Trauer, den Neid, die Wut und die Zweifel nach außen zu bringen statt in sich reinzufressen - und zwar durch reden, jammern, weinen und klagen statt Amok laufen oder sich anzünden. Ein berühmtes und hervorragendes Beispiel ist die Klagemauer in Jerusalem, bei der man Gebete auf einem Zettel in die Ritzen steckt und sich dann richtig laut und gesellschaftlich nicht sanktioniert ausjammern kann.
Selbstmitleid ist dann gesunder Teil eines Veränderungsprozesses, wenn man darin nicht versinkt und stecken bleibt. Dazu ist es sehr hilfreich, ein Gegenüber zu haben, das als “Klagemauer” dienen kann und das Leid oder die Not, die der andere auszuhalten hat, anerkennt. Das bedeutet, dass jemand im Stande ist, zuzuhören und mitfühlend einfach mal sagt, dass das alles wirklich schlimm, traurig, besch….. oder zum Haare raufen ist. Gerade dieses nach außen bringen von Leid, und dann die Anerkennung und Bestätigung von diesem Außen zurück zu bekommen, dass es erlaubt ist, man ein Recht hat, in dieser Situation Mitleid zu erhalten, bringt Erleichterung, Linderung und den Startschuß, zur Veränderung überzugehen. Wenn man auf das eigene Jammern und Klagen - wenn auch oft gut gemeint - nur hört, dass es doch gar nicht so schlimm sei, die Aussichten doch ganz positiv, man solle doch nicht so schwarz sehen, es gäbe doch einen Haufen Lösungsansätze wie x, y oder z, bewirkt das genau das Gegenteil. Denn die Botschaft ist, dass jemand offensichtlich die Leidenssituation/Gefühle nicht sieht, nicht versteht oder für nicht berechtigt hält. Also steigert sich der Betroffene noch mehr hinein, um rüberzubringen, was für ihn Sache ist. Eine Teufels-Spirale, die selten dienlich ist.
Gerade zwischen Frauen und Männern ist hier das Missverstehenspotezial immens groß. Denn während Frauen das Anerkennen und Wertschätzen von Leid unter sich schon immer kultiviert und gelebt haben, also diesen ersten Schritt im Verwandlungsprozess, sind Männer eher auf den Folgeschritt, das Wege finden und Lösen fokussiert. Nun könnte sich das geadezu ideal ergänzen: Frauen achten in der Beziehung darauf, dass dunkle Gefühle nach außen kommen, nicht innen stecken bleiben und Fäulnisgifte entwickeln. Die Männer achten darauf, dass das Selbstmitleid nicht zum Dauerjammern und zur Sackgasse wird, sondern in eine lösungsorientierte Verwandlung gehen kann.
Und gemeinsam hilft man sich dann bei der Umsetzung. Leider ist es meist eher umgekehrt: Frauen klagen ihr Leid, Männer reagieren mit Lösungsangeboten, Frau verstärkt daraufhin Klage und weist alle Angebote zurück bis schließlich die Frau sich unverstanden fühlt, der Mann genervt und der Streit ist perfekt. Oder der Mann sucht verzweifelt, ob nicht doch ein Weg aus seiner Misere rausführt. Statt ihm die Hoffnung zu geben, dass sie Land sieht, bestätigt ihm Frau wertschätzend das Leidige an seiner Situation. Daraufhin will er nicht mehr reden, sie versteht nichts mehr - früher oder später platzt einer …
Aber wenn man um diese Fußangeln weiß, kann man/frau vielleicht doch die tolle Chance nutzen, die Selbstmitleid und Lösungsorientiertheit in sich tragen.